Sonja Schürger (Berlin, DE)zurück

Wie wird der Charakter und die Eigenart einer Landschaft zur eigenen Erfahrung ?

 

Auf einem Spaziergang treffe ich auf sich öffnende Lindenknospen: zartgrüne rundliche Blätter, fast durchscheinend, noch wie ein Fächer verbunden. Daneben die kugelig angeordneten, hellgrünen Sterne einer Ahornblüte. Aus einem schon voll ergrünten Schneebeerengebüsch ertönt der schmetternde, volle Gesang der Nachtigall. Im Hintergrund die hohen Zweige einer Vogelkirsche, übersät mit strahlend weißen Blüten. Über den Blütenquirlen entfalten sich die rötlich überlaufenen Blätter. Doch die sinnliche Erfahrung verbindet uns nicht nur mit der Außenseite der Dinge, sondern ist der Zugang zu einer umfassenden Begegnung mit dem Besonderen, Eigenartigen eines Ortes.

In jeder Wahrnehmung spricht sich etwas aus, was über das gegenständliche Erkennen einer Pflanze oder eines Tieres hinausweist. Diese Erfahrung, die eher dem erlebendem Denken als dem rational bestimmenden Erkennen zugänglich ist, lässt sich als Atmosphäre oder Stimmung beschreiben.  Es scheint, zunächst schwer fassbar, als eine Art Glanz wie über den Dingen ausgebreitet. Beginnen wir darauf zu achten, nehmen wir intensiver Anteil an den Wahrnehmungen. Dabei lassen sich verschiedene Ebenen von Zusammenhängen unterscheiden:

Einerseits erleben wir die aktuelle Beleuchtung, Wärme, Wind- und Wetterverhältnisse, wodurch der Ort, an dem wir uns befinden eine gegenwärtige Einheit bildet. Diese erlebbare Atmosphäre kann schon wenig später ganz anders sein, indem Wolken aufziehen und die Farben plötzlich viel gesättigter und dunkler erscheinen. Dennoch sind wir überzeugt dass es sich um denselben Ort handelt!

Auf einer nächsten Ebene verdichten sich die Beobachtungen zu der inneren Überzeugung, es ist Frühling! Dabei gehen wir selbstverständlich davon aus, dass sich die Bäume und die Wiese zum Sommer, Herbst und Winter hin in charakteristischer Weise verwandeln. Diese Ganzheit der Verwandlung im Jahreslauf haben wir unbewusst im Blick, wenn wir von Frühling sprechen.

Vielleicht entdecken wir dann noch Ansätze abgeschnittener Äste am Stamm, alte Baumstümpfe daneben oder vergleichen die Jahrestriebe  eines Zweiges. Auf diese Weise machen wir uns vertraut mit der Geschichte oder Biographie eines Ortes.

Indem ich mich immer wieder neu aufmerksam beobachtend einem Ort zuwende, entwickelt sich in meinem Bewusstsein nach und nach eine Art Gesamtbild dieses Ortes. Durch die Einzelerscheinungen hindurch bildet sich eine Gesamtanschauung aus, worin der Charakter, die Identität einer Landschaft erlebbar werden kann. Gehen wir die auf diesem Weg gemachten Erfahrungen und Erkenntnisse noch einmal durch, erleben wir uns bereichert. Die Suche nach dem Wesen einer Landschaft ist zugleich eine Entdeckungsreise zu unserem eigenen tieferen Wesen.

Sonja Schürger, Aphoristisches zur Annäherung an eine Landschaft I

Sonja Schürger (Berlin, DE)

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