Francesco Petrarca

Francesco PETRARCA (1304-1374), einer der Begründer des Humanismus, bestieg 1336 den Mont Ventoux und betrachtete die Landschaft. Es war vermutlich das erste mal in der Geschichte, dass Landschaft in dieser bewussten Weise als Bild erkannt wurde.

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Am 26. April 1335 brach der italienische Dichter und als Vater des Humanismus bezeichnete Francesco Petrarca (1304 bis 1374) auf, um den Mont Ventoux (ein 1912 m hoher, verkarsteter Gebirgsrücken der südfranzösischen Voralpen) zu besteigen, mit dem Ziel, von dort oben den Ausblick auf die unterhalb sich ausbreitende Landschaft zu genießen - "einzig getrieben von der Begierde, die ungewöhnliche Höhe eines Ortes in unmittelbarer Anschauung kennen zu lernen". Von einem alten Hirten, der ihm auf diesem Wege begegnete, erntet er nur unverständliches Kopfschütteln - zu weit voraus war Petrarca mit diesem Vorhaben seiner Zeit ... und auch sich selbst, wie aus den weiteren Schilderungen in seinem Brief an den Augustiner-Mönch Francesco Dionigi hervorgeht:

Noch während des Aufstieges versuchte Petrarca das Unternommene durch den Vergleich mit der Erhebung zum seligen Leben zu deuten und zu rechtfertigen, das auch "auf einer Höhe liegt, zu welcher ... der Weg steil hinaufführt" - hoffend von oben im genießenden Anblick der großen Natur ringsum "liebend Gott zu vergegenwärtigen". Auf dem Gipfel angelangt, glich er - vom ungewohnten Hauch der Luft und vom freien Rundblick betroffen - einem "Betäubten".

Um aus dieser Traumhaftigkeit zu erwachen, um zu verstehen, was er erlebt hatte, versuchte Petrarca das Erlebnis vor dem Hintergrund der philosophischen Tradition der Theorie des Kosmos zu deuten. Hierbei meint Kosmos ursprünglich, die Natur als Ganzes, Natur in ihrer umfassenden kosmischen Anschauung und Herkunft - nicht die in Einzelheiten zerfallende Gegenstandswelt. Und Theorie meint im ursprünglichen Sinne "Anschauung", "Betrachtung" - dies zunächst im Sinne der philosophischen Versenkung in die eigene, den Göttern gewidmete Denkanschauung. Theorie des Kosmos meint demnach im ursprünglichen Sinne nicht eine abstrakte Theorie über den Kosmos, sondern eine unmittelbare Anschauung des Kosmos, wobei mit Kosmos "Natur" gemeint war und mit "Natur" die Natur einer Sache, ihr Wesen, ihr Charakter.

Schließlich suchte Petrarca Hilfe in den von ihm stets mitgeführten "Bekenntnissen" von Augustinus. Doch Augustinus verwarf das Erlebnis Petrarcas als "Vergessen des Selbstes". Petrarca war wie geschlagen, und verließ den Gipfel - zwar im Erleben bereichert, im Selbst-Verständnis aber als Gescheiterter.

Für das Selbst-Verständnis unserer Neuzeit ist dieser Brief Petrarcas jedoch ausgesprochen erhellend: In einer für die mitteleuropäische Geistesgeschichte schlüsselhaften Weise ist mit Petrarcas literarischen Schilderungen ein Erlebnis verbrieft, in dem die Natur als Ganzes in Form der Landschaft, also sinnlich sichtbar, umliegend erfahren wurde. In der philosophische Tradition der Theorie des Kosmos blieb das Ganze allein der geistigen Schau vorbehalten. Das vor Augen Stehende, als die den Menschen umgreifende, sichtbare Natur blieb gewissermaßen ohne Virulenz (5). Die Theorie des Kosmos spielte sich in den Schulen, in der Zelle des Klosters und im Grunde der Seele ab.

Mit der Anschauung der ganzen Natur als Landschaft aber ist eine neue Form der Theorie des Kosmos erreicht. Landschaft ist die Natur, die im Anblick für einen fühlenden und empfindenden Betrachter ästhetisch gegenwärtig ist. Landschaft wird erst, wenn sich der Mensch der Natur mit seinen Sinnen ohne praktischen Zweck in "freier", genießender Anschauung zuwendet. Petrarca ist uns Aufforderung, das von ihm Begonnene in einer dem modernen Bewusstsein angemessenen Weise fortzusetzen: Die Vergegenwärtigung der Natur als Landschaft.


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